Deutsch – jüngere und jüngste Sprachgeschichte

Während des 18. und 19. Jahrhunderts verbreiteten sich deutsche Dialekte im Zuge der Emigration nach Nord- und Südamerika. Außerdem kamen im Zuge der Kolonisation durch das Deutsche Reich Sprechergemeinschaften unter anderem im Süden Afrikas, vor allem dem heutigen Namibia, hinzu. Nach Osten hatten sich deutsche Dialekte während des 18. und 19. Jahrhunderts bis nach Russland (Wolgadeutsche) und in die heutige Ukraine (Wolhynien-Deutsche, Schwarzmeerdeutsche) ausgebreitet. Im zweitgrößten europäischen Land, Österreich-Ungarn, galten bis zum Ersten Weltkrieg die historischen deutschen Siedlungs- und Sprachgebiete im heutigen Tschechien, der Slowakei, Polen, Ungarn, Rumänien, der Ukraine sowie im heutigen Slowenien und Italien als gesichert bzw. konsolidiierten unter dem Mantel der reichstragenden deutschen Nationalität. Deutsche Dialekte wurden gepflegt und entwickelten sich auf dem gesamten Reichsgebiet mit Ausnahme des ungarischen Reichsteils unter dem amts- und kultursprachlichen Standarddeutschen. In Preußen/dem Deutschen Reich war man unterdessen mit eindeutigem einheitssprachlichen Anspruch darum bemüht, die fremdsprachigen Anteile an den historischen deutschen Sprachgebiete im heutigen Polen, Frankreich und Dänemark zurückzudrängen. 

Dieser Expansions- und Konsolidationsbewegung wirkte erstmals der von Deutschland und Österreich-Ungarn verlorene Erste Weltkrieg entgegen. Nicht nur gingen geschlossene deutschsprachige Dialektgebiete sowie Gebiete mit hohem deutschsprachigem Anteil an die Sieger- bzw. Nachfolgestaaten des Konflikts, wodurch deutsche Dialekte vor allem in Frankreich (Elsaß-Lothringen), Belgien, Dänemark, Polen (Posen-Westpreußen, Oberschlesien, Galizien), der Tschecholslowakei (Böhmen und Mähren), Rumänien (Siebenbürgen und Bessarabien), Litauen (Memelland) unter fremde Standardsprachen fielen. Auch litt das Ansehen der deutschen Kultur und Sprache insgesamt. Der Zweite Weltkrieg verschärfte diese Ablehnung. Waren im Zweiten Weltkrieg zunächst etwa eine Million Deutschsprachige durch die deutsche Regierung aus verbündeten und besetzten Gebieten, namentlich aus Südtirol, Kroatien, Bessarabien, dem Baltikum, Russland und der Ukraine ins besetzte Polen umgesiedelt worden, flohen mit dem Zusammenbruch Nazideutschlands 12-14 Millionen Deutschsprachige aus dem befreiten Polen, vor allem aber aus ihren historischen Siedlungsgebieten in den nun an Polen und Russland gefallenen deutschen Ostgebieten (Hinterpommern, Schlesien, Danzig, West- und Ostpreußen), aus den baltischen Republiken sowie der Tschechoslowakei (Sudetenland) bzw. wurden bis 1950 auf der Grundlage der Konferenzbeschlüsse von Jalta vertrieben. In ihren Heimatländern verblieben lediglich die 1941 nach Sibirien und Zentralasien deportierten Russlanddeutschen sowie zahlreiche Polen- und Rumäniendeutschenin, die in ihren angestammten Heimatgebieten verblieben. Knapp 1,5 Millionen Polendeutsche siedelten zwischen 1950 und 2000, etwa eine halbe Million Rumäniendeutsche Anfang der 1970er- und in den 1990er-Jahren sowie 2,5-3 Millionen Russlanddeutsche in den 1990er-Jahren nach Deutschland aus. Eine weitere Massenbewegung erfolgte im Rahmen der Flucht von DDR-Bürgern vor dem Bau der Grenzsperranlagen 1961 und der Migration Ostdeutscher nach Westdeutschland seit der deutschen Wiedervereinigung zu verzeichnen.

Insgesamt wirkte sich die jüngere Geschichte Deutschlands und Österreichts deshalb in mehrfacher Hinsicht auf die deutsche Sprache aus:

  • Der deutsche Sprachraum als Summe der geographischen Gebiete, in denen die deutsche Standardsprache Amts-, Verwaltungs- oder Verkehrssprache war bzw. ist, erfuhr im Zuge von Kolonialismus und Auswanderung einerseits und Zweier Weltkriege andererseits maßgebliche Veränderungen ihres Umfangs und ihrer Ausdehnung. Dasselbe gilt für die deutschen Dialekte, die in diesen Gebieten gesprochen wurden bzw. werden.
  • Das Kollabieren des deutschen Sprachraums in der Folge der beiden Weltkriege, der erst mit dem Abebben des Zuzugs von Spätaussiedlern aus den Ländern Osteuropas endete, führte zu einer Vermischung und Auflösung von Dialekt, der über das für andere Sprachen festzustellende Ausmaß hinaus geht.

Außerdem wurde Deutsch in weiten Gebieten als vorherrschende Verkehrssprache (Zweitsprache) durch Englisch ersetzt, vor allem in Osteuropa, wo es m sowjetischen Herrschaftsraum der Nachkriegszeit zunächst noch mit Russisch konkurriert hatte.

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