Deutsch-Niederländisch-Luxemburgisches Dialektkontinuum

Der Begriff «deutsch-niederländisch-luxemburgisches Dialektkontinuum» ist in der Sprachwissenschaft unüblich, erscheint jedoch vor allem für sprachwissenschaftliche Laien sehr viel verständlicher als der in der heutigen Sprachwissenschaft übliche Begriff «kontinental­westgermanisches Dialektkontinuum». Unabhängig von seiner Benennung umfasst das deutsch-niederländisch-luxemburgische Dialektkontinuum folgende kontinentalwestgermanische Dialektgruppen:

  • Hochdeutsche Dialekte, ihrerseits unterteilt in oberdeutsche Dialekte (vor allem Süddeutschland, Elsaß, Schweiz, Liechtenstein, Österreich, Südtirol) und mitteldeutsche Dialekte (Luxemburg, mittleres Deutschland).
  • Niederdeutsche Dialekte, auch Plattdeutsch (vor allem nördliches Deutschland und angrenzende Gebiete) – Friesisch (heute hauptsächlich in der niederländischen Region Friesland in Nordholland) wird inzwischen sprachwissenschaftlich als eigene, nordseewestgermanische (und nicht kontinentalwestgermanische) Sprache, d.h. nicht als (deutscher oder niederländischer) Dialekt, gewertet.
  • Niederländische Dialekte (Niederlande, flämischer Teil Belgiens, Französisch-Flandern) – im Kontinuum mit den deutschen Dialekten als niederfränkische Dialekte zu betrachten.

Im Westen wurden vor allem in der älteren deutschsprachigen Literatur die niederländischen Dialekte aufgrund ihrer organischen Zusammengehörigkeit mit dem deutschen Dialektkontinuum, etwa der fehlenden zweiten Lautverschiebung, zu den niederdeutschen Dialekten gerechnet und vielfach als «niederdeutsches Sprachgebiet in den Niederlanden und Belgien» bezeichnet. Allerdings entwickelte sich das Niederländische seit dem 16./17. Jahrhundert immer mehr zu einer eigenen Sprache. Die Verselbständigung und Herausbildung einer niederländischen Standardsprache in einem eigenen politischen Raum wirkte sich unvermeidbar auf die in ihrem Einflussbereich angesiedelten niederfränkischen bzw. niederländischen Dialekte aus. Hierzu ist zu bemerken, dass die moderne Staatsgrenze zwischen Deutschland und den Niederlanden historisch keine bedeutende Dialektgrenze darstellte, so dass es im ostniederländisch-westniederdeutschen Raum ein Dialektkontinuum gab, das die deutschen und niederländischen Dialekte umfasste. Dieses löst sich in den letzten Jahrzehnten jedoch immer stärker auf, da die Dialekte dies- und jenseits der Grenze immer stärker von der jeweiligen Standardsprache beeinflusst sowie bei der Verständigung über die Landesgrenzen hinweg immer seltener Dialekte und immer häufiger die Standardsprachen verwendet werden. Hierdurch beeinflussen sich die Dialekte kaum noch gegenseitig. Auch für das Verstehen der Entwicklung des in Luxemburg gesprochenen moselfränkischen deutschen Dialekts zur luxemburgischen Sprache kraft politischem Willensakt von 1984 sind historische Entwicklungen heranzuziehen, nämlich die versuchte politische Vereinnahmung Luxemburgs im 19. und 20. Jahrhundert zunächst durch Frankreich, später durch Deutschland, und schließlich der franko-deutsche Ausgleich in Rahmen der europäsichen Einigung.

Umgekehrt gibt es trotz Staatsgrenzen und teilweise Jahrhunderte langer gesonderter politischer Entwicklung keinerlei Dialektgrenzen zwischen den alemannischen Dialekten des Schweizerdeutschen und den jenen des Elsaß (Frankreich), Badens (Deutschland), Liechtensteins und Voralbergs (Österreichs) oder zwischen den bairischen Dialekten Bayerns einerseits und Tirols, Salzburgs und Niederösterreichs andererseits sowie zwischen den Tiroler Dialekten Tirols und Osttirols (Österreich) einerseits und Südtirols (Italien) andererseits. Bemerkenswert ist diese Kontinuität insbesondere für die Schweiz, deren Dialekte trotz vielfältiger einheitlicher Merkmale und einer starken schriftlichen Verwendung, und obwohl die Standardsprache mehrheitlich distanziert und seit den beiden Weltkriegen sogar mit einer gewissen Ablehnung betrachtet wird, sich bislang nicht als einheitliche Sprache etabliert haben.

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